Schlaf (Nidra) – Konsequenzen von Schlafproblemen und wie Ayurveda damit umgeht

23.12.2019 | Ayurveda, Gesundheit, Glück, Leichtigkeit, Schlaf, Vitalität, Wohlbefinden

Ayurveda Nidra (Schlaf) Konsequenzen von SchlafproblemenDer Faktor “Zeit” ist an Bewegung und Raum gekoppelt
Vata ist Bewegung im Raum und damit ist Vata gleichzusetzen mit dem Zeitfaktor. Dadurch, dass entwicklungsgeschichtlich alle Abläufe in unserem Alltag beschleunigt wurden, hat dies mittlerweile zu einer generalisierten Vata-Störung auf körperlicher, psychischer, mentaler und sozialer Ebene geführt. Das hat natürlich Auswirkungen auf unsere psychische und physische Belastbarkeit und auf die Regenerationsfähigkeit unseres Nervensystems. Wie sonst könnten wir uns die drastische Zunahme von psychischen Störungen, Burnout, Depressionen sowie Erschöpfungs- und Belastungssyndromen in den letzten 10 Jahren erklären? Man könnte diesen permanenten Mangelzustand an Energie vergleichen mit einem Handy-Akku. Wir schließen abends das Handy an das Ladegerät an, aber morgens, wenn wir zur Arbeit wollen, ist der Akku des Handys noch immer nicht vollständig aufgeladen. Mit der Zeit wird der Akku immer schwächer. Genau unter diesem chronischen Energiedefizit leiden viele Menschen, wenn also ihre energetische Verausgabung tagsüber größer ist als ihre nächtliche Regenerationssphase. Wir wollen im Folgenden die Gründe beleuchten, die aus ayurvedischer Sicht möglicherweise eine Rolle dabei spielen könnten.

Zu viel Schlaf

Schläft ein Mensch – trotz Wissens um seine Konstitution – mehr als ihm gut tut, so wird er wahrscheinlich irgendwann apathisch, depressiv und nimmt allmählich zu. Der Kapha- und auch Pitta-Anteil in ihm nimmt ebenfalls zu. Die Funktion und Tätigkeit von Herz, Lunge, Pankreas, Galle, Leber oder Magen werden gestört.

Therapiemaßnahmen gegen übermäßiges Schlafen

  • Fasten (Trut nigraha)
  • Medizinisch indiziertes Erbrechen (Vamana)
  • Abführtherapie (Virechana)
  • Aderlass (Rakta Mokshana)
  • Medizinisches Rauchen (Dhooma)
  • Ausleitende Intranasaltherapie (Shirovirechana)
  • Zorn, Furcht, Ärger erwecken
  • Körperübungen
  • Maßnahmen, die Sattwa erhöhen und Tamas reduzieren

Kommentar: Die meisten dieser Maßnahmen sind medizinischer Art und gehören in die Hände eines Spezialisten. Bitte deshalb keine Selbstversuche! Konsultieren Sie einen Ayurveda-Fachmann.

Durch Tagschlaf verursachte Störungen:

  • Kopfschmerzen/Migräne
  • Leberprobleme
  • Schweregefühl im Körper
  • Steifigkeit/Gliederschwere
  • Husten/Schleimstörungen im Rachenbereich
  • Sodbrennen/Übersäuerung (Azidose)
  • Lymphstauungen/Ödeme
  • Hautkrankheiten wie Urtikaria/Juckreiz/Ausschläge
  • Kältegefühl/Frösteln
  • Allgemeine Schmerzsensationen
  • Appetitlosigkeit/Übelkeit
  • Verdauungsstörungen (Malabsorption/Darmträgheit/Verstopfung/Dyspepsie)
  • Herzarrhythmie
  • Rhinitis/Schnupfen/Fliesnase
  • Beulen/Lipome
  • Gedächtnis- und Wahrnehmungsstörungen
  • Funktionsstörungen der Sinnesorgane
  • Verschlimmerung der Wirkung vorhandener Autotoxine (Samadosha)

MERKE: Schlaf ist ein lebenswichtiger Faktor und unangemessener Schlaf die Ursache zahlreicher gesundheitlicher Störungen. Die Sinnesorgane erfahren auf diese Weise nicht die notwendige regenerative Ruhepause und so wird ihre Funktionsfähigkeit langfristig beeinträchtigt.

Die Ursachen von Schlaflosigkeit

  • Überarbeitung/Nachtarbeit/Schichtarbeit
  • Vata-bedingte Schlaflosigkeit im Alter
  • Vata-Konstitution bzw. Vata-Erregungszustand (Sanchaya)
  • Unregelmäßiger Lebenswandel: Esszeiten/Schlafzeiten etc.
  • Zu starkes Fasten, Ausleiten (Abführen/Erbrechen etc.)
  • Zu intensive Körperübungen/Sport
  • Tägliche starke Stimuli wie Kaffee, Kakao, schwarzer Tee, Aufputschmittel etc.
  • Hormonell bedingte Schlafstörungen

Generelle therapeutische Maßnahmen bei Schlafstörungen

  • Ganzkörperölmassage (Abhyanga)
  • Spezielle medizinierte Kräutereinläufe (Niruha Basti) bzw. Öleinlaufe auf Ghee-Basis (Matra Basti)
  • Teilmassagen/Salbungen wie Kopfmassage (Shiroabhyanga) bzw. Fußmassage (Padabhyanga)
  • Entspannungsbäder mit speziellen Kräuterdekokten bzw. ätherischen Ölen (Avagaha Sveda)
  • Morgendliche Ölung der Nase mit Ghee (Pratimarsha Nasya) 68
  • Rechtzeitig, d.h. vor 22 Uhr zu Bett gehen!
  • Der Genuss von Fleischbouillon, Milch, Fett (z.B. Knochenmark, Ghee etc.),
  • Wein, Reis mit Joghurt, warme Milch mit Honig, Jatamamsi-Tee
  • Entspannungsbad mit Vata beruhigenden, ätherischen Ölen
  • Angenehme Düfte und Klänge, Entspannungsmusik
  • Ohrentropfen (Karna Purana)
  • Angenehme, beruhigende Atmosphäre im Schlafzimmer (Beleuchtung/Farbtöne/Duftlampe etc.)

Die Wurzel aller Übel …

An anderer Stelle werden bei Charaka die tatsächlichen Ursachen von psychosomatischen Krankheiten genannt. Diese werden von indischen Ayurveda-Ärzten immer wieder als die eigentlichen Auslöser aller Krankheitsprozesse angesehen. Demnach manifestieren sich Leiden gleichermaßen in Körper und Geist: Besonders schwer wiegen die Störungen des zirkadianen Rhythmus, die so genannte Schlaf-Wach-Rhythmusstörung. Viele Menschen leben immer häufiger im Gegensatz zu ihrem inneren Rhythmus. So nimmt der Anteil der Schicht- und Nachtarbeit zu. Chronomediziner stellten fest, dass in Deutschland das Herzinfarktrisiko in den ersten 4 Tagen nach der Zeitumstellung (Sommer auf Winter bzw. umgekehrt) um 35% ansteigt.

Die sogenannte „innere Uhr“, die täglich einer neuen „Justierung“ bedarf, hat dadurch mit großen Problemen zu kämpfen. Mögliche Auswirkungen können sein:

  • Schlaf- und Essstörungen
  • Energielosigkeit bis hin zu Depressionen, Burnout etc.
  • Müdigkeit & Leistungsschwäche durch Jetlag (häufiger Wechsel in andereZeitzonen)
  • Vermehrter Konsum von Zigaretten, Alkohol, Drogen, Kaffee
  • Metabolischer Stress kann – auch bei Nacht-/Schichtarbeit – unter anderem zu Diabetes mellitus, Bluthochdruck und Übergewicht führen.

Bereits bei einem Schlafmangel von wenigen Tagen steigen die nächtlichen Spiegel der Stresshormone Adrenalin und Cortisol beträchtlich an. Beide Hormone erhöhen den Blutzuckerspiegel und damit den Insulinbedarf. Im Zuge dessen geraten noch zwei andere Hormone aus dem Gleichgewicht: Ghrelin steuert das Hungergefühl und Leptin das Sättigungsgefühl. Schlafmangel verursacht größeres Hungergefühl und geringeres Sättigungsgefühl.

Chronisches Schlafdefizit

Schläft ein Mensch zu wenig und insbesondere nicht zwischen 22 Uhr und 4 Uhr, so wird sein Vata-Anteil zunehmen, da nach 22 Uhr die Schlaf einleitende, entspannungsfördernde Kapha-Zeit zu Ende ist. Dies wiederum beein- trächtigt den Mineralhaushalt (Dickdarm/Nieren/Knochenstoffwechsel) und das Nervensystem (vegetative Störungen/Schmerzsyndrome). Viele von Ihnen haben sicherlich schon gehört von einer der schlimmsten Foltermethoden in Gefängnissen, wo man während der Tiefschlafphase die Gefängnisinsassen zu unterschiedlichen Zeiten mehrfach urplötzlich grellem Licht und lauter Musik aussetzte. Die Nachtstunden halten nebenbei gesagt viele negative Versuchungen für uns bereit, die man besser vermeidet, indem man beizeiten zu Bett geht und lieber ein erbauliches Buch liest oder vor dem Schlafen meditiert. Die Folge von regelmäßigen nächtlichen Entgleisungen (die in der Pitta-Zeit zwischen 22-2 Uhr stattfinden) sind häufig Leber-, Magen- und Darmprobleme, Blutstörungen, psycho-vegetative Beschwerden, Schmerzsyndrome und chronische Schlafstörungen.

Unregelmäßige Schlafgewohnheiten

Es gibt eine beachtliche Zahl von Menschen, besonders Singles, die zu sehr unterschiedlichen Zeiten schlafen gehen. Was sind nach Charaka die Langzeitfolgen unregelmäßiger Schlafzeiten?

  • Kummer
  • Stumpfsinn
  • Ohnmacht
  • Ängste
  • Vergesslichkeit
  • Kopfschmerzen
  • Zustände von Verwirrtheit
  • reduziertes Geschmacksempfinden
  • häufiges Weinen/vermehrter Tränenfluss
  • schwache Verdauung/Indigestion
  • Augenschmerzen • Körper-/Gliederschmerz
  • brüchige Stimme

Die Arten des Schlafs nach Charaka

  • Schlaf verursacht durch Lethargie (= Tamas): Drogen/Alkohol/ausschweifiges Leben ect.)
  • Durch vermehrtes Kapha verursacht (spätes/üppiges Essen/Überessen/ Bewegungsarmut)
  • Durch physische Anstrengung
  • Durch mentale Anstrengung/sinnliche Überreizung
  • Durch künstlich herbei geführten Schlaf mittels Schlafmittel/Sedativa/ Anti-depressiva etc.
  • Durch Krankheit
  • Durch natürlichen Schlaf/Ermüdung/Schläfrigkeit beim Hereinbrechen der Abenddämmerung

MERKE: Der normale, natürliche Schlaf in der Nacht ist lebenserhaltend. Der durch Tamas verursachte Schlaf ist die Wurzel allen Übels. Die übrigen Schlafarten sind auf Dosha-Störungen, also durch unpassende Lebensführung, zurückzuführen.

Die vier Schlaf- bzw. Wachzustände

  1. Jagrat: Der Wachzustand während des Tages. Der Geist verharrt – je nach Individuum – in einem der drei mentalen Zustände: Tamas, Rajas oder Sattva
  2. Swapna: Traumzustand. Während des Träumens registrieren wir Farben, Gedanken, Bilder, Emotionen. Dieser Schlafzustand raubt uns Energien
  3. Nidra: Der traumlose, tiefe, regenerierende und verjüngende Schlaf
  4. Turiya: Zustand höchster Freude, Ekstase, Glückseligkeit und reinen Bewusstseins

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Buch “Ayurveda Heilrituale” von Alexander Pollozek und Sandra Grünes (ISBN: 978-3746927336). Wir freuen uns sehr ihn als Dozent für unsere Ayurveda Massage Ausbildung gewonnen zu haben.

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Über den Autor des Artikels
Dozent Alexander PollozekAyurvedischer Pioniergeist gepaart mit Hingabe, Authentizität und Empathie – das ist Alexander Pollozek. Alexander begann mit dem Aufbau seines tiefen Ayurveda Wissens 1986 mit einer zweieinhalbjährigen Massageausbildung und dem Staatsexamen zum ‘Masseur und medizinischen Bademeister’ in Berlin-Kreuzberg. Kurz darauf folgte der Heilpraktiker-Abschluss. Neben dem Ayurveda spielte auch Yoga eine wichtige Rolle in Alexanders Leben. Über seinen Yogalehrer Yogi Bhajan gelang er zu der Ayurveda Ausbildung bei Dr. Vasant Lad in New Mexiko, die ihn sehr prägte. Nach langer Zeit der praktischen Erfahrung in seiner eigenen Ayurveda Praxis in Berlin wollte er mehr Wissen sammeln und ließ sich in einer der bedeutendsten Ayurveda Universitäten Indiens – die Gujarat Ayurved University(GAU) weiterbinden. Über Jahre hinweg baute Alexander mehrere Ayurveda Abteilungen diverser hochkarätiger Hotels auf. Nach seinem zweijährigen Studium der Ayurveda Medizin mit Diplom-Abschluss eröffnete er 2008 sein eigenes Kurzentrum TRIGUNA®. Neben dem Standardwerk „Ayurveda Therapeutikon“, verfasste Alexander zwei weitere Bücher. „Die zeitlose Ayurveda-Küche“ und „Ayurveda Heilrituale“. Nach knapp 30 Jahren klinischer Erfahrung mit Pancha Karma und Tausenden von Patienten ist für Alexander die Zeit reif, seinen reichen Erfahrungsschatz und seine Leidenschaft für den Ayurveda mit allen Schülern zu teilen.

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